Wem gehört der Wert?


Unser heutiges Wirtschaftssystem produziert Wohlstand dort, wo die ökologischen Kosten extern bleiben, und verlagert die sozialen Lücken dorthin, wo die Stimmen am leisesten sind. Das ist der Trichter. Wert, sei es in Form von Geld, Ressourcen oder Daten, wird aus der Breite der Gesellschaft und der Natur gesammelt und fliesst zu einer sehr konzentrierten Menge an Menschen. Das alles ist kein Naturgesetz, es ist ein konstruiertes Design.

Geschrieben von: Marc Böhlen | 16.07.2026

Wie schief diese Verteilung heute liegt, zeigt die Analyse von Fanning und Raworth (2025) mit unbequemer Klarheit:

Die reichsten 20 Prozent der Nationen, in denen 15 Prozent der Weltbevölkerung leben, verursachen 44 Prozent des globalen ökologischen Overshoots und tragen nur 2 Prozent zu den sozialen Defiziten bei.

Die ärmsten 40 Prozent der Länder, in denen 43 Prozent der Menschen leben, sind für 4 Prozent des Overshoots, aber für 63 Prozent der sozialen Defizite verantwortlich.

Unser heutiges Wirtschaftssystem produziert Wohlstand dort, wo die ökologischen Kosten extern bleiben, und verlagert die sozialen Lücken dorthin, wo die Stimmen am leisesten sind.

Das ist der Trichter.

Wert, sei es in Form von Geld, Ressourcen oder Daten, wird aus der Breite der Gesellschaft und der Natur gesammelt und fliesst zu einer sehr konzentrierten Menge an Menschen. Das alles ist kein Naturgesetz, es ist ein konstruiertes Design.

Was wäre, wenn wir dieses Trichter-System umgestalten? Wenn wir stattdessen die Wirtschaft als ein weit verzweigtes Netzwerk denken, ähnlich einem Pilz im Waldboden, das Nährstoffe und Wissen dorthin leitet, wo sie gebraucht werden?

Genau das ist die Idee einer distributiven Wirtschaft by Design.

Es geht nicht darum, am Ende des Jahres ein paar Fränkli oder Prozente aus den Profiten zu verteilen. Es geht darum, die grundlegende Architektur unserer Unternehmen und Märkte so zu gestalten, dass Wert von vornherein breiter geteilt wird.

Die Kernfrage lautet nicht mehr: «Wie können wir den grössten Anteil vom Kuchen für uns sichern?», sondern: «Wie gestalten wir das Rezept und den Backprozess so, dass alle ein faires Stück bekommen?»

Dieses Denken, inspiriert von Kate Raworth fünftem Prinzip «Design to Distribute», ist ein direkter Gegenentwurf zur überholten Annahme des sogenannten Trickle-down-Effekt, dass Wachstum allein irgendwann allen zugutekommen wird. Darauf können wir nicht warten. Wir müssen Gerechtigkeit aktiv gestalten.

Überholte Trickle Down Theory dargestellt von Martyn Turner

Eine distributive Wirtschaft baut auf konkreten, gestaltbaren Prinzipien auf, die Wertschöpfung neu definieren. Unter anderem gilt es...

  • Eigentum neu zu denken: Wem gehört ein Unternehmen? Statt den Profit an anonyme Aktionäre auszuschütten, die oft kein Interesse am langfristigen Wohl des Unternehmens oder der Gesellschaft haben, setzen distributive Modelle auf alternative Eigentümerstrukturen. Verantwortungseigentum, wie es generational oder Karma Capital Group fördert z.B., sorgt dafür, dass Gewinne reinvestiert werden oder der Mission des Unternehmens dienen.
  • Technologie zu demokratisieren: Wer kontrolliert unsere digitale Infrastruktur? Heute kontrollieren wenige Konzerne wie Amazon, Google oder Microsoft zentrale digitale Infrastrukturen, von Cloud-Servern bis zu KI-Modellen. Demokratisierung bedeutet, diese Abhängigkeit zu verringern: durch offene Standards, gemeinwohlorientierte Plattformen, öffentliche Cloud-Dienste und kooperative Eigentumsmodelle. So bleibt digitale Macht nicht in den Händen weniger, sondern wird zum Gemeingut.
  • Wissen als Gemeinschaftsgut zu behandeln: In der Natur ist Kooperation ein Überlebensvorteil. Statt Wissen hinter Patenten zu verschliessen, teilen distributive Unternehmen ihre Erkenntnisse, um gemeinsam schneller voranzukommen. Patagonia hat beispielsweise die regenerative Materialtechnologie "Yulex" für Neoprenanzüge entwickelt und die Formel mit der gesamten Branche geteilt, um den Wandel zu beschleunigen.
  • Lokale Wertschöpfung zu stärken: Eine distributive Ökonomie setzt auf regionale Produktions- und Innovationsnetzwerke statt globaler Abhängigkeiten. Sie stärkt lokale Unternehmen, fördert Kooperation statt Konkurrenz und hält Wissen, Kapital und Arbeitsplätze in der Region.

Distributiv zu wirtschaften ist, genau wie das regenerative Wirtschaften, eine tiefgreifende Haltungsänderung. Es erfordert den Mut, Macht abzugeben und Erfolg nicht nur an der eigenen Bilanz, sondern am Wohlergehen des gesamten Netzwerks zu messen.

Wir alle gestalten dieses Netzwerk mit. 

Mit jeder Entscheidung, welches Geschäftsmodell wir unterstützen, welche Software wir nutzen, wie wir in unseren eigenen Organisationen zusammenarbeiten, ... 

Wie entscheidest du dich?

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