Vom Plündern zum Pflegen



Wir leben, als gäbe es mehr als zwei Planeten, wir haben aber nur einen (1).

Und es sind nicht alle gleichermassen verantwortlich: Die Analyse von Fanning und Raworth (2025) zeigt, dass die reichsten 20 Prozent der Nationen rund 44 Prozent des globalen ökologischen Overshoots verursachen (2). Unser Wirtschaftsmodell im globalen Norden ist also nicht zufällig aus der Balance geraten. Es ist so gebaut.

Geschrieben von: Marc Böhlen | 13.07.2026

Wir leben, als gäbe es mehr als zwei Planeten, wir haben aber nur einen (1).

Und es sind nicht alle gleichermassen verantwortlich: Die Analyse von Fanning und Raworth (2025) zeigt, dass die reichsten 20 Prozent der Nationen rund 44 Prozent des globalen ökologischen Overshoots verursachen (2). Unser Wirtschaftsmodell im globalen Norden ist also nicht zufällig aus der Balance geraten. Es ist so gebaut.

In der letzten Woche haben wir unseren Kompass neu ausgerichtet. Das Bild des Doughnuts hat uns einen klaren Kurs gezeigt: in den sicheren und gerechten Raum für die Menschheit, zwischen sozialem Fundament und ökologischer Decke. Wir haben gesehen, dass wir dringend umsteuern müssen, weg vom blinden Wachstumskurs, der uns geradewegs auf einen Eisberg zusteuern lässt.

Sieben Denkweisen hat uns Kate Raworth als Navigationsregeln an die Hand gegeben (3). Eine davon möchte ich in diesem Artikel etwas genauer betrachten: das regenerative Wirtschaften by Design.

Wir reissen Rohstoffe aus der Erde, oft unter Zerstörung ganzer Ökosysteme. Wir verwandeln sie in Produkte mit geplanter, kurzer Lebensdauer für maximalen finanziellen Profit. Und am Ende landen sie auf Müllbergen oder als Gift in unseren Ozeanen.

Das alles hat uns Wohlstand gebracht, aber zu einem unvorstellbaren Preis. Sie hinterlässt ausgelaugte Böden, vernarbte Landschaften, verschmutzte Flüsse und gebrochene Gemeinschaften. So kann es nicht weitergehen.

Die neuen Daten aus dem Doughnut Update vom Oktober 2025 untermauern das in aller Nüchternheit: Seit 2000 hat sich das globale BIP mehr als verdoppelt, der ökologische Overshoot hat sich in diesem Zeitraum aber nicht verringert, sondern beschleunigt (2). Effizienz allein reicht nicht. Weniger-schlecht ist nicht gut. Was wir brauchen, ist ein Vorzeichenwechsel.

Was wäre, wenn wir Wirtschaft völlig anders, als einen lebendigen Garten denken? Denn eine Gärtnerin weiss: Man kann nicht Jahr für Jahr nur ernten, ohne dem Boden etwas zurückzugeben. Sie pflegt den Humus, sie fördert die Artenvielfalt, sie schafft Kreisläufe, in denen der Abfall des einen zur Nahrung des anderen wird. Ihr Ziel ist nicht, den Garten auszubeuten, sondern seine Lebendigkeit und Fruchtbarkeit von Jahr zu Jahr zu steigern und zu erhalten.

Genau das ist die Essenz einer regenerativen Wirtschaft. Sie zielt darauf ab, die Systeme, in die sie eingebettet ist, aktiv zu heilen und zu stärken. Die Kernfrage lautet nicht mehr:

„Wie viel Wert können wir aus der Natur und der Gesellschaft extrahieren?", sondern:

„Wie viel Gesundheit, Resilienz und Lebendigkeit können wir für Natur und Gesellschaft generieren?"

Dieses Denken ist keine Utopie. Es orientiert sich an den erfolgreichsten Strategien, die wir kennen: den Prinzipien des Lebens selbst, die sich über 3.8 Milliarden Jahre Evolution bewährt haben:

Im Kreislauf denken: In der Natur gibt es keinen Müll. Jedes Ende ist ein neuer Anfang. Regenerative Unternehmen gestalten Produkte so, dass sie repariert, wiederverwendet, oder in ihre biologischen und technischen Bestandteile zerlegt und zurück in den Kreislauf geführt werden können. Abfall wird zur Ressource.

Die Kraft der Sonne und erneuerbarer Energien nutzen: Die Natur läuft mit Sonnenenergie. Eine regenerative Wirtschaft verabschiedet sich von fossilen Brennstoffen und setzt vollständig auf die unerschöpfliche Kraft von Sonne, Wind und Wasser.

Vielfalt fördern: Monokulturen sind anfällig und fragil. Ökosysteme sind stabil, weil sie vielfältig sind. Das gilt auch für die Wirtschaft. Eine regenerative Ökonomie stärkt lokale und regionale Strukturen, fördert kleine und mittlere Unternehmen und schafft so ein resilientes, anpassungsfähiges Netzwerk.

Auf Kooperation statt Konkurrenz setzen: Die Natur ist ein unendliches Netz von Symbiosen und Partnerschaften. Regenerative Unternehmen verstehen sich nicht als isolierte Kämpfer, sondern als Teil eines grösseren Ganzen. Sie kooperieren entlang der Wertschöpfungskette und teilen Wissen, um gemeinsam positive Wirkung zu erzielen.

Regenerativ zu wirtschaften ist mehr als eine technische Umstellung. Es ist ein tiefgreifender Wandel unserer Haltung. Es bedeutet, uns nicht länger als Herren über die Natur zu sehen, sondern als integralen Teil von ihr. Es bedeutet, Demut zu lernen und anzuerkennen, dass unser Wohlergehen untrennbar mit dem Wohlergehen des Planeten verbunden ist.

Wir alle sind Gärtnerinnen und Gärtner dieser Zukunft. In unseren Konsumentscheidungen, in unserem beruflichen Wirken, in unserem gesellschaftlichen Engagement. Die Frage ist nicht, ob wir es können. Die Frage ist:

Welchen Samen wollen wir heute pflanzen?





Quellen:

(1) https://de.statista.com/infografik/10574/benoetigte-erden-je-lebensstil-ausgewaehlter-laender/

(2) Fanning, A. L. & Raworth, K. (2025). Doughnut of social and planetary boundaries monitors a world out of balance. Nature, 646, 47–56. https://doi.org/10.1038/s41586-025-09385-1

(3) https://doughnuteconomics.org/about-doughnut-economics

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