Warum wir einen neuen Kompass für die Wirtschaft brauchen

Unsere heutige Wirtschaft gleicht einem modernen Schiff, das mit voller (fossiler) Kraft vorausfährt. Das Ziel scheint klar: unendliches Wachstum. Doch während wir Geschwindigkeit aufnehmen, steuern wir direkt auf einen Eisberg zu. Die Folgen dieser blinden Fahrt sind die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen und eine immer tiefere soziale Ungleichheit. Es ist höchste Zeit, das Ruder herumzureissen. Doch dafür braucht es dringend einen neuen Kompass.

Geschrieben von: Marc Böhlen | 13.07.2026

Genau diesen Kompass bietet die Doughnut-Ökonomie, die die britische Ökonomin Kate Raworth 2017 vorgestellt und im Oktober 2025 gemeinsam mit Andrew Fanning in der Fachzeitschrift Nature grundlegend aktualisiert hat. Das Bild ist so einfach wie radikal:


Doughnut 3.0 Update von Kate Raworth and Andrew Fanning (2025)

Die ökologische Decke bildet den äusseren Ring des Doughnuts. Sie umfasst die neun planetaren Grenzen, die wir nicht überschreiten dürfen, wenn wir unseren Planeten bewohnbar halten wollen.

Das gesellschaftliche Fundament bildet den inneren Ring. Es stellt sicher, dass jeder Mensch Zugang zu den Grundlagen eines würdevollen Lebens hat, von Nahrung und Gesundheit über Bildung bis hin zu politischer Teilhabe und sozialer Gerechtigkeit.

Zwischen diesen beiden Ringen liegt der "sichere und gerechte Raum für die Menschheit". Dort können wir als Gesellschaft gedeihen, ohne die Natur zu zerstören und ohne Menschen zurückzulassen.

Bis 2025 war der Doughnut eine Momentaufnahme. Mit der in Nature veröffentlichten Neufassung von Andrew Fanning und Kate Raworth wird er zum dynamischen Monitor. 35 Indikatoren, Zeitreihen von 2000 bis 2022, künftig jährlich aktualisiert. Die Befunde sind ernüchternd: Das globale BIP hat sich seit 2000 mehr als verdoppelt. Der Abbau sozialer Defizite müsste sich verfünffachen, um bis 2030 alle Grundbedürfnisse zu decken. Gleichzeitig müsste der ökologische Overshoot sofort stoppen und sich fast doppelt so schnell in Richtung planetarer Grenzen zurückbewegen, um die Stabilität des Erdsystems bis 2050 zu sichern.

Das Update macht auch sichtbar, wer den Kurs bestimmt. Die reichsten 20 Prozent der Nationen, in denen 15 Prozent der Weltbevölkerung leben, sind für 44 Prozent des globalen ökologischen Overshoots verantwortlich, tragen aber nur 2 Prozent zum sozialen Defizit bei. Wohlstand im globalen Norden wird also zu einem erheblichen Teil auf Kosten planetarer Stabilität erwirtschaftet, während die sozialen Lücken im Süden bestehen bleiben. Dies hat Konsequenzen für jede Unternehmensstrategie, die Lieferketten, Rohstoffe oder Kapitalflüsse berührt.

Sieben Denkweisen für eine zukunftsfähige Wirtschaft

Um den Kurs zu ändern, reicht es nicht, an einzelnen Stellschrauben zu drehen. Wir müssen das gesamte Wirtschaftssystem neu denken und all unser Tun kritisch hinterfragen. Kate Raworth schlägt sieben Prinzipien vor, die wie Navigationsregeln für das 21. Jahrhundert wirken:


Aus dem Buch von Kate Raworth (2017)


  • Das Ziel ändern: Weg vom reinen Fokus auf das BIP.
  • Das grosse Ganze sehen: Wirtschaft ist eingebettet in Gesellschaft und Natur. Und kein losgelöster Markt.
  • Die menschliche Natur verstehen: Menschen sind soziale, kooperative und anpassungsfähige Wesen. Und voller Emotionen.
  • Systemisch denken: Dynamische Komplexität statt mechanischer Gleichgewichtsvorstellungen. Inklusive Rückkoppelungsschleifen und Kipppunkte.
  • Verteilung aktiv gestalten: Gerechtigkeit muss bewusst designt werden.
  • Regenerativ wirtschaften: Unternehmen sollen Ökosysteme heilen statt nur reparieren.
  • Wachstum agnostisch betrachten: Entscheidend ist nicht ob wir wachsen, sondern wo. In manchen Sektoren brauchen wir mehr, in anderen weniger.

Diese Prinzipien sind grundsätzlich längst keine unscharfe Theorie mehr. Immer mehr Leuchtturm-Unternehmen zeigen vorbildlich, dass eine Neuausrichtung zu regenerativem und distributivem Wirtschaften möglich und erfolgreich ist.

Patagonia hat seine Eigentümerstruktur so verändert, dass Gewinne künftig nicht mehr an Aktionäre fliessen, sondern direkt in den Umweltschutz.

Fairphone produziert modulare, reparierbare Smartphones aus fairen Lieferketten und verändert damit die Logik einer ganzen Industrie.

Karma Capital Group zeigt, dass auch Kapital ein Werkzeug des Wandels sein kann: mit Impact-Investments, die nicht extraktiv, sondern regenerativ wirken, mit Kapital für Verantwortungseigentum gegen Ungleichheit und mit Unterstützung gemeinwohlorientierter Medien für eine starke Demokratie.

Haferkater zeigt, dass selbst Porridge ein Werkzeug des Wandels sein kann: mit regional produziertem Hafer, pflanzlicher Ernährung und gesunden Alternativen in Bahnhöfen, wo immer noch Fastfood dominierte.

Wir stehen an einem Wendepunkt.

Das Schiff, auf dem wir alle sitzen, rast noch immer mit vollem Tempo auf den Eisberg zu. Mit dem Doughnut haben wir nun nicht nur einen Kompass, sondern auch ein Navigationssystem, das uns in Echtzeit zeigt, wie weit wir vom Kurs abgekommen sind. Es zeigt uns den sicheren Weg in eine Zukunft, in der Unternehmen erfolgreich sind, weil sie regenerativ und distributiv handeln.

Haben wir den Mut, das Ruder rechtzeitig herumzureissen?

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